Claudia Schlottmann zu TOP 3 „Die Zukunft der Bildung sichern: Eine moderne Neuausrichtung des Lehramtsstudiums in NRW“

30.01.2026

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Präsident,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

der vorliegende Antrag der SPD-Fraktion greift ein wichtiges Thema auf – den Lehrkräftemangel in Nordrhein-Westfalen. Dieses Thema begleitet uns kontinuierlich in dieser Legislatur und lassen Sie mich eines vorweg sagen: Diese Landesregierung arbeitet unermüdlich daran, dem Lehrkräftemangel entgegenzutreten.
Mit dem Dritten Gesetz zur Änderung des Lehrerausbildungsgesetzes haben wir bereits konkrete Schritte unternommen: Wir haben die Praxiselemente im Bachelorstudium ausgeweitet, das Eignungs- und Orientierungspraktikum auf 30 Tage verlängert und das Berufsfeldpraktikum neu an Schulen ausgerichtet. Wir haben neue Qualifizierungswege über Hochschulen für angewandte Wissenschaften eröffnet und das Lehramtsstudium für sonderpädagogische Förderung grundlegend reformiert. Diese Reformen basieren auf einem umfassenden Bericht unter Einbeziehung aller Beteiligten.

Die Problemanalyse der SPD ist nicht neu. Doch den nun vorgetragenen Lösungsansätzen kann ich nicht zustimmen.

Der Antrag fordert ein Pilotprojekt, das Master-Studium und Referendariat zusammenlegt und zeitlich ausdehnt. Das klingt nach Innovation, ist aber ein Schnellschuss ohne klare Konturen. Wie genau soll diese Verzahnung aussehen? Wie lange würde das Studium dauern? Drei Jahre? Vier Jahre? Ab welchem Zeitpunkt wären wir bei einer dualen Ausbildung? Der Antrag schweigt sich dazu aus.

Was wir aber wissen: Eine Verlängerung der Ausbildungszeit verschärft den Lehrkräftemangel, statt ihn zu lösen. Junge Menschen wollen nicht noch länger auf ihr erstes volles Gehalt warten, während ihre Kommilitonen aus anderen Studiengängen längst im Beruf stehen.

Gerade die finanzielle Situation im Referendariat ist problematisch. Aufgrund der Stundenzahl in der Schule können die jungen Menschen keinerlei Nebenjobs ausführen. Wenn nun auch noch Studium und Referendariat parallel verlaufen, verschärfen wir diese Problematik strukturell.

Eine massive Ausweitung der Praxisphasen könnte der Funktion universitärer Bildung entgegenwirken. Die Universität ist nicht die Berufsschule für Lehrkräfte. Sie ist der Ort, an dem künftige Lehrerinnen und Lehrer lernen, über Bildung nachzudenken, pädagogische Konzepte zu verstehen, fachwissenschaftliche Tiefe zu entwickeln und kritisch zu reflektieren. Genau diese wissenschaftliche Fundierung unterscheidet professionelle Lehrkräfte von angelernten Hilfskräften.

Die Antragsteller behaupten, fast jede zweite angehende Lehrkraft verlasse das System während des Studiums. Diese Zahl ist alarmierend – aber sie verlangt nach differenzierter Analyse, nicht nach übereilten Strukturreformen. Warum brechen Studierende ab? Ist es wirklich die mangelnde Praxisorientierung? Oder sind es fehlende finanzielle Unterstützung, überfüllte Seminare, unzureichende Betreuung oder schlicht die Erkenntnis, dass der Lehrerberuf nicht das Richtige ist?

Studienabbrüche sind kein Versagen des Systems – sie sind manchmal Ausdruck notwendiger Selbstfindung. Nicht jeder, der ein Lehramtsstudium beginnt, sollte Lehrer werden. Wir brauchen motivierte, reflektierte Lehrkräfte, keine Quote erfüllenden Absolventen. Gerade in diesen Zeiten, in denen der Lehrberuf herausfordernder wird, brauchen wir junge motivierte Menschen, die dem Lehrauftrag voller Überzeugung nachgehen.


Wenn wir das Studium zu einer verlängerten Praktikumsphase umbauen, riskieren wir, dass künftige Generationen von Lehrkräften zu Technokraten des Unterrichtens werden, die Methoden anwenden können, aber nicht verstehen, warum. Die Fähigkeit zur theoretischen Reflexion ist die Grundlage für pädagogische Innovation und lebenslanges professionelles Lernen.

Der Antrag fordert eine Verzahnung von Universität, ZfsL, Schulaufsicht und Ministerium. Klingt nach Kooperation, führt aber zu Kompetenzwirrwarr. Wer ist wofür zuständig? Wer bewertet Studierende nach welchen Kriterien? Die zwei Phasen der Lehrerausbildung haben aus guten Gründen unterschiedliche Schwerpunkte: Die universitäre Phase legt das wissenschaftliche Fundament, das Referendariat entwickelt die praktische Professionalität. Diese klare Trennung aufzuweichen, ohne ein überzeugendes Alternativmodell vorzulegen, ist fahrlässig.
Was wir wirklich brauchen, sind bessere Studienbedingungen: kleinere Seminargruppen, mehr Lehrpersonal an den Universitäten, bessere Betreuung während der Praxisphasen, finanzielle Unterstützung für Studierende und eine gesellschaftliche Aufwertung des Lehrerberufs durch bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Der Antrag bietet davon nichts.

Ein Pilotprojekt an einer Universität und einem ZfsL – das ist Symbolpolitik. Die Frage ist, wie wir flächendeckend in ganz Nordrhein-Westfalen die Ausbildung verbessern, ohne die Qualität zu senken und ohne die Studierenden noch länger hinzuhalten.

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, dieser Antrag bietet keine konkreten Antworten, er riskiert eine Absenkung der wissenschaftlichen Standards und ignoriert die eigentlichen Ursachen des Lehrkräftemangels. Statt experimenteller Strukturreformen setzen wir auf das, was wir bereits mit dem Dritten Gesetz zur Änderung des Lehrerausbildungsgesetzes begonnen haben: durchdachte Reformen, die Theorie und Praxis verzahnen, neue Wege eröffnen und die fachliche Qualität sichern – immer mit dem Ziel, künftige Lehrerinnen und Lehrer bestmöglich auf die Herausforderungen ihres Berufs vorzubereiten.

Lassen Sie uns die Ursachen bekämpfen, damit wir tatsächliche Verbesserungen für die Lehrkräftebildung in Nordrhein-Westfalen schaffen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.