Claudia Schlottmann zu TOP 3 „Kluge Kinder: Starke frühkindliche Bildung und die Möglichkeit eines Schulfähigkeitsjahres für einen guten Start in die Grundschule“

20.03.2026

Sehr geehrter Herr Landtagspräsident,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich denke, in einem Punkt sind wir uns alle einig: Jedes Kind, das die 1. Klasse einer Grundschule besucht, muss die deutsche Sprache so gut beherrschen, dass es dem Unterricht in allen Fächern gut folgen kann. Ansonsten verfehlt der Unterricht seinen Sinn. Ohne ausreichende Deutschkenntnisse fehlt den Schülerinnen und Schülern der entscheidende Schlüssel, um Zugang zu Bildung zu erhalten.

Dabei zeichnen aktuelle Zahlen genau dieses Bild: Bei den Schuleingangsuntersuchungen zeigen rund ein Drittel der Kinder Auffälligkeiten im Bereich der Sprachkompetenz. Das sind Kinder, die bei ihrer Einschulung sprachlich nicht in der Lage sind am Unterricht teilzunehmen. Und somit bei Eintritt in die Schullaufbahn bereits starke Defizite aufweisen, die sich über eine gesamte Bildungsbiografie strecken werden. Damit ist klar, meine Damen und Herren, die Frage ist also nicht, ob wir handeln müssen, sondern wie.

Dieser herausfordernden Aufgabe hat die Landesregierung sich bereits angenommen, mit der Einführung der ABC-Klassen. Wir planen, dass künftig bereits ein Jahr vor der Einschulung die Schulanmeldung und die damit einhergehende Untersuchung stattfinden sollen. So können frühzeitig Förderbedarfe erkannt und die Kinder dementsprechend unterstützt werden.

Nun haben die Kolleginnen und Kollegen von der FDP prompt einen Gegenvorschlag, das sogenannte Schulfähigkeitsjahr und lehnen die ABC-Klassen ab. Sehr gerne erkläre ich Ihnen, meine Damen und Herren, warum ich die Etablierung der ABC-Klassen für den einzig richtigen und zukunftsweisenden Weg für unsere Schülerinnen und Schüler halte.

Bei dem Modell des „Schulfähigkeitsjahres“ sollen Kinder bei mangelnder Schuleignung nicht in die 1. Klasse eingeschult werden, sondern zunächst in eine eigene Lerngruppe gehen. Doch genau da liegt der große Fehler des Schulfähigkeitsjahres: Es setzt viel zu spät ein. Mit der Förderung von Schülerinnen und Schülern vor Eintritt in den Schulalltag, wie es die ABC-Klassen vorsehen, können viel früher gezielte Fördermaßnahmen vorgenommen und damit den Kindern ein reibungsloser Einstieg in die Grundschule ermöglicht werden.

Darüber hinaus werden die angehenden Schülerinnen und Schüler auch bei dem Übergang in die Grundschule begleitet und unterstützt. Dies zeigt die Kombination aus früher Sprachstandsfeststellung, vorschulischem Kurs und zusätzlicher Förderung innerhalb der Schuleingangsphase.

Ebenso wird argumentiert, dass es besser wäre, die alltagsintegrierte Sprachförderung in der Kita zu stärken. Es erschließt sich mir hier gar nicht das entweder oder. Selbstverständlich ist die alltagsintegrierte Sprachförderung richtig und wichtig. Doch wo diese nicht greift, schaffen die Vorkurse innerhalb der ABC-Klassen eine tiefergehende Unterstützung.

Ein zentraler Kritikpunkt im Antrag lautet, dass ABC-Klassen Kinder aus ihrem gewohnten Umfeld lösen würden. Aber ist das wirklich ein Nachteil? Schule ist immer auch ein neuer Lebensraum. Der Übergang dorthin ist für jedes Kind ein Einschnitt. ABC-Klassen bieten hier eine Brücke: Sie führen Kinder behutsam an schulische Strukturen heran, ohne sie sofort den Anforderungen der ersten Klasse auszusetzen.
Statt eines abrupten Einstiegs ermöglichen sie ein gezieltes Ankommen.


ABC-Klassen sind genau eine solche Maßnahme.
Sie sind kein Ersatz für gute Kitas, sondern eine Ergänzung. Sie greifen dann ein, wenn vorherige Förderung nicht ausgereicht hat. Und genau das macht sie so wertvoll: Sie schließen eine Lücke, statt eine neue Struktur komplett neu aufzubauen.

Das vorgeschlagene Schulfähigkeitsjahr verfolgt zwar ein ähnliches Ziel, verschiebt das Problem aber lediglich. Denn auch dort werden Kinder zunächst aus dem regulären Unterricht herausgenommen. Der Unterschied ist: ABC-Klassen sind flexibler integrierbar und können unmittelbarer auf die Anforderungen der ersten Klasse vorbereiten.

Warum sollten wir also ein neues, aufwendiges System schaffen, wenn bereits ein praktikabler Ansatz vorliegt?

Auch dem Vorwurf der unklaren Umsetzung kann ich nicht folgen. Jede Reform bringt zunächst organisatorische Fragen mit sich – das ist kein Argument gegen die Maßnahme selbst. Im Gegenteil: Gerade, weil das Problem dringend ist, sollten wir bestehende Konzepte weiterentwickeln, statt sie vorschnell zu verwerfen.
Außerdem hat die Landesregierung auf die Kritik aus den Kommunen gehört und entsprechende Punkte aufgenommen, wie das Belastungsausgleichsgesetz, welches Themen der Räumlichkeiten und der Fahrkosten regelt.

Damit ist meiner Meinung nach klar, dass wir mit den ABC-Klassen eine Antwort darauf haben, wie wir Kinder und schlussendlich auch Lehrkräfte besser unterstützen können für einen erfolgreichen Einstieg in die Schullaufbahn. Hier bedarf es keinerlei Alternativen.

Und noch ein letzter Gedanke: Bildungspolitik darf sich nicht an idealen Bedingungen orientieren, sondern an der Realität. Diese Realität ist heterogen. Kinder kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule. Ein einheitlicher Startpunkt ist daher oft eine Illusion.

ABC-Klassen tragen dieser Realität Rechnung.

Sie schaffen keine Ausgrenzung, sondern ermöglichen Teilhabe. Sie verhindern nicht Integration, sondern bereiten sie vor. Und sie geben Kindern die Chance, nicht von Anfang an den Anschluss zu verlieren.

Deshalb sollten wir sie nicht als Problem sehen, sondern als Teil der Lösung.


Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.